Warum ein Meister inspiriert, aber nur ein System skalieren kann.
In Bogota traf openly CEO Andy Keel auf den international renommierten Meister des biobasierten Bauens — Simón Vélez. Das Gespräch dauerte bis spät in die Nacht und brachte einige inspirierende Einsichten, die er in diesem Beitrag teilt.
Ich sitze spät abends auf der Terrasse in Bogotá. Die kühle Bergluft tut gut nach einem Tag, der in meinem Kopf noch immer nachhallt.
Heute war ich bei Simón Vélez zu Hause.
Wenn man diesem Mann gegenübersteht, spürt man sofort, warum er als die unangefochtene Integrationsfigur der modernen Bambusarchitektur gilt. Seine Arbeiten mit Guadua-Bambus sind legendenumwoben. Aber nicht, weil er auf irgendeiner zeitgeistigen Welle von Nachhaltigkeit, Bio-Trends oder Zirkularität reitet. Sondern weil er dieses Material über Jahrzehnte hinweg so tief verstanden, erforscht und geformt hat, dass daraus eine vollkommen eigene architektonische DNA entstanden ist, vergleichbar mit Zaha Hadid. Man erkennt ein Bauwerk von Vélez sofort. Es braucht keinen Namen am Eingang. Es ist eine Haltung mit einem Tragwerk aus Bambus.
Während wir saßen, tranken und redeten, wirf er mir Sätze entgegen, die man nicht so leicht vergisst:
„Beginne mit dem Dach. Alles andere folgt daraus.“
„Ich arbeite lieber mit Handwerkern als mit Ingenieuren.“
„Ich bin ein Hippie.“
„I love Donald Trump“
Man könnte das als Attitüde abtun. Aber dahinter steckt eine radikale Ehrlichkeit. Das Material als absoluter Ausgangspunkt. Die gelebte Erfahrung, die jede sterile Abstraktion schlägt. Architektur als kompromissloser, persönlicher Ausdruck.
Seine Gebäude hätten niemals auf dem Papier als neutrale Hülle entstehen und danach mit irgendeinem Werkstoff eingekleidet werden können. Der Guadua-Bambus zwingt dem Gebäude nicht die Form auf — er erschafft es.
Später kamen wir auf die heutige Debatte zu sprechen, und Vélez wurde scharf: Wir werfen biobasierte Materialien, nachhaltige Architektur und regeneratives Bauen heute völlig gedankenlos in denselben Topf. Das ist falsch. Ein Haus kann aus einem faszinierenden, nachwachsenden Rohstoff gebaut sein, ohne dass es je mit dem Ziel entwickelt wurde, das Klima zu heilen. Oft entstehen herausragende ökologische Werte einfach als Nebenprodukt von purer Leidenschaft, Handwerk und Experimentierfreude.
Ich musste schmunzeln. Genau dieselbe Erkenntnis hatte ich schon 2022, als ich mich mehrmals mit Dietmar Eberle über das 2226-Konzept unterhielt: Extrem gute ökologische Resultate können aus einer konsequenten architektonischen Haltung erwachsen — selbst wenn der Klimaimpact gar nicht der ursprüngliche Auslöser war.
Ich habe heute lange darüber nachgedacht, was das für uns bedeutet.
Bei Openly gehen wir den genau entgegengesetzten Weg. Wir wollen keinen wiedererkennbaren, autorenhaften Architekturstil prägen. Wir wollen auch kein einzelnes Material — wie Hanf oder Holz — kultisch verehren. Und Nachhaltigkeit ist für uns keine Dekoration, die man am Ende auf ein konventionelles Gebäude klebt.
Wir beginnen bei einem stur kalkulierten Resultat: Netto-Null-Gebäude als skalierbare CO₂-Senken.
Daraus leitet sich unser gesamtes System ab. Materialien, Statik, Energie, Kreislauffähigkeit und die harte Finanzmathematik müssen nahtlos auf dieses eine Ziel einzahlen.
Die Frage ist für mich heute Abend glasklarer denn je: Es geht nicht darum, ob wir mit Holz, Lehm, Stroh oder Bambus anders bauen und uns damit ökologisch profilieren können.
Die einzige Frage, die zählt, lautet: Wie machen wir regeneratives Bauen wirtschaftlich, wiederholbar und unendlich skalierbar?
Ich bin nach Kolumbien geflogen, um eine Keynote zu geben und Antworten zu suchen. Ich fliege zurück mit einer viel schärferen Frage. Genau das passiert, wenn man Menschen begegnet, die eine kompromisslose, eigene Haltung leben. Sie bestätigen nicht deinen Weg, aber sie zwingen dich, das Fundament freizulegen, auf dem du stehst.
Ein Meister wie Simón Vélez kann die Welt inspirieren.
Ein System wie Openly wird sie verändern.
Das Openly Manifesto hier
Einladung des Green Building Council Latin America
Eröffnungs Keynote am Kongress Construverde (850 Zuhöher, Bogota)