Regenerativ zu bauen ist keine Wertediskussion

Viele Diskussionen, die ich mit hochkarätigen Gesprächspartnern wie zB Johannes Eisenhut (Senn) oder Dr. Peter Wuffli (Stiftung Elea) über regeneratives Bauen führe, landen irgendwann bei einer Wertediskussion.

Nachhaltigkeit sei eine Frage der persönlichen Prioritäten. Der eine gewichte Rendite stärker, der andere Architektur, der nächste CO₂ oder gesellschaftliche Verantwortung.
Frei von Dogma so die Devise.

Ich halte bereits diese Ausgangslage für falsch. 

Denn wer daraus eine Wertediskussion macht, unterstellt automatisch, dass jemand anderes eben andere Werte haben kann. Dass regenerative Gebäude eine mögliche Haltung unter vielen sind. Eine Präferenz. Vielleicht sogar eine Weltanschauung womit man in einem Topf mit Greta Thunberg landet.

Longread von Andy Keel:

Lehm-Holz Massivdecke LBD-1 von Cancret Materials

Warum sollte ein Gebäude mehr Energie verbrauchen, wenn es selbst Energie produzieren kann? Warum sollte es CO₂ emittieren, wenn wir einen Teil davon dauerhaft speichern können? Warum sollten wir endliche Rohstoffe verbauen, wenn nachwachsende Materialien dieselbe Funktion erfüllen können? Warum sollten Menschen in schlechteren Innenräumen leben, wenn wir gesündere bauen können?

Das sind zunächst keine moralischen Fragen. Das sind Fragen nach der besseren Lösung. 

Und genau an diesem Punkt taucht in vielen Gesprächen das nächste Missverständnis auf: Mein Gegenüber sagt dann sinngemäss: Ich habe überhaupt kein Dogma (Vorbehalte) gegenüber Holz, Hanf, Lehm oder anderen biogenen Baustoffen. Ich bin kein Spezialist. Dafür beauftrage ich Architekten und Ingenieure. Die rechnen das durch und sagen mir, was richtig ist. Das klingt vollkommen rational und offen. Aber gerade darin steckt das nächste Stigma. Denn

Unsere Fachwelt operiert nicht in einem neutralen Raum

Architekten und Ingenieure arbeiten mit Normen, Datenbanken, Berechnungsmethoden, Standards und etablierten Konstruktionsweisen. Diese Instrumente sind notwendig. Aber wir sollten nicht so tun, als würden sie lediglich eine objektive Realität abbilden. Was wir messen und wie wir messen, beeinflusst, was wir bauen. 

KBOB, ÖKOBAUDAT und andere etablierte Datengrundlagen liefern wichtige Umweltkennzahlen. Gleichzeitig entfalten solche Systeme zwangsläufig eine Lenkungswirkung. Systemgrenzen, Lebensdauern, Ersatzzyklen, Allokationen, Gutschriften und die Behandlung biogener Kohlenstoffspeicherung entscheiden mit darüber, welches Bauteil auf dem Papier gut oder schlecht aussieht. 

Dann können Ergebnisse entstehen, die unserem intuitiven Verständnis von Regeneration widersprechen. Ein Kunststofffenster kann in einer bestimmten Berechnung plötzlich nachhaltiger erscheinen als ein Holzfenster. Nicht, weil Kunststoff ein regenerativere Material wäre. Sondern weil das Rechenmodell definiert hat, welche Eigenschaften innerhalb welcher Systemgrenze zählen. 

Eine Norm oder Datenbank ist kein Naturgesetz.

Und eine Ökobilanz ist keine vollständige Beschreibung der Wirklichkeit. Sie ist ein Modell dieser Wirklichkeit – unverzichtbar, aber abhängig von Annahmen, Systemgrenzen und der Frage, welche Effekte wir überhaupt berücksichtigen.

Genau deshalb müssen wir aufpassen, dass wir nicht unsere Gebäude (und Baustoffe) für unsere Bewertungsmethoden optimieren, statt unsere Bewertungsmethoden für bessere Gebäude.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir ökologischer bauen wollen. Die Frage ist viel fundamentaler:

Was hinterlassen wir, nachdem wir gebaut haben?

Nachhaltigkeit war ein wichtiger Schritt. Aber Nachhaltigkeit ist im Kern defensiv, wir umschreiben es in der Fachsprache mit dem Wort Suffizienz. Weniger Energie. Weniger CO₂. Weniger Material. Weniger Abfall. Weniger Schaden. Das war notwendig. Aber weniger schlecht ist noch nicht gut genug. 

Regeneratives Bauen dreht die Perspektive um.

Es versucht nicht nur, den negativen Fußabdruck eines Gebäudes zu verkleinern. Es fragt, welchen positiven Beitrag ein Gebäude leisten kann. Wir bauen ohnehin. Wir bewegen Tausende Tonnen Material. Wir investieren Millionen. Wir verändern Landschaften und Städte. Wir schaffen Strukturen, die mehrere Generationen überdauern. Warum sollte das Ziel eines derart großen Eingriffs lediglich darin bestehen, möglichst wenig Schaden anzurichten?

Ein regeneratives Gebäude kann mehr Energie erzeugen, als seine Bewohner verbrauchen. Es kann Kohlenstoff dauerhaft in seinen Materialien speichern. Es kann mit nachwachsenden Rohstoffen gebaut werden. Es kann Materialien so einsetzen, dass sie später wiederverwendet werden können. Es kann Wasser zurückhalten, Biodiversität fördern und einen Ort besser machen, statt ihn nur zu besetzen. Und Regeneration endet nicht an der Gebäudehülle. Sie betrifft auch den Menschen. 

Wir verbringen einen enormen Teil unseres Lebens in Gebäuden. Trotzdem behandeln wir Innenräume häufig wie eine technische Restgröße: Oberflächen, Lüftung, Temperatur, Akustik, Licht.

Dabei entscheidet genau dieser Raum darüber, wie wir uns jeden Tag fühlen. Natürliche Materialien, gute Luftqualität, ausgeglichene Luftfeuchtigkeit, Tageslicht, angenehme Oberflächentemperaturen, gute Akustik und ein stabiles Raumklima können Räume schaffen, in denen Menschen sich wohler fühlen und gesund leben können. 

Lehm und Hanf kann Feuchtigkeit puffern. Holz und andere biogene Materialien ermöglichen andere Oberflächen und Atmosphären als ein vollständig mineralisch und synthetisch geprägter Innenraum. Eine gute Gebäudehülle schützt vor Hitze und Kälte. Tageslicht und durchdachte Grundrisse beeinflussen unser tägliches Wohlbefinden. Ein Gebäude sollte nicht nur dem Klima weniger schaden. Es sollte den Menschen darin guttun. 

 

Hanfkalk Aussenwand von Cancret Materials

Und dann ist da noch die Ökonomie.

Regeneration funktioniert langfristig nur, wenn sie wirtschaftlich funktioniert. Ein Gebäude, das ökologisch hervorragend, aber unbezahlbar ist, wird kein neues Normal schaffen (wir haben dafür den Idiotenfaktor für biogene Baumaterialien).
Deshalb gehören Ökologie, Gesundheit, Architektur und Wirtschaftlichkeit zusammen. Nicht als vier konkurrierende Ziele. Sondern als ein System. Openly arbeitet an der Kostenneutralität des “anders bauen”.

Ein Gebäude, das wenig Energie benötigt und diese selbst Energie produziert. Ein Gebäude das CO₂ speichert statt nur verursacht. Ein Gebäude das aus langlebigen und kreislauffähigen Materialien besteht. Ein Gebäude das sich an veränderte Nutzungen und ein verändertes Klima anpassen kann (vlg Openly Etappe 2 zur Climate Resilience). In dem Menschen gerne und gesund leben. Und das gleichzeitig langfristig wirtschaftlichen Wert schafft.
Das ist keine grüne Ideologie. Das ist kein Dogma. 

Es ist eigentlich erstaunlich, dass wir jemals anders gebaut haben.

Vielleicht ist deshalb auch Net Zero nicht das endgültige Ziel. Null bedeutet lediglich, dass wir am Ende möglichst nichts zusätzlich kaputt gemacht haben. Die interessantere Frage lautet:  

Warum bei null aufhören?

Wenn wir schon bauen, können wir Energie erzeugen. Kohlenstoff speichern. Lebensräume schaffen. Gesundheit fördern. Orte verbessern. Werte schaffen. Dann wird aus einem Gebäude mehr als eine Immobilie. Es wird Teil eines Systems, das mehr zurückgibt, als es nimmt. Das ist für mich regeneratives Bauen: vom Verbrauch zum Beitrag. Vom Reduzieren zum Verbessern.

 

Lehmbau Trockenbau Innenwand LBW1 von Cancret Materials, vollständig regenerativ

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OPENLY 50° Climate Resiliance - Einladung Baustellentage & Bautagebuch

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Warum ein Meister inspiriert, aber nur ein System skalieren kann